Wir stehen in der Schlange im Postamt. Es geht quälend langsam voran. Dabei ist ja nicht einmal die Vorweihnachtszeit, es ist ein ganz normaler Tag mitten in der Woche. Aber wenn ich mir die Geschwindigkeit des Mitarbeiters hinter dem Tresen ansehe, dann kann ich sicher sagen: Der macht mit Absicht alles noch langsamer als es eh schon geht!

Das ist der Moment wo wir uns ertappen ungeduldig zu werden. Mit unserer Umwelt. Die anderen vor uns in der Schlange sind auch langsam – mein Gott, wie lange wird das noch dauern?! Kann die Frau nicht vorher schon den Ausweis heraussuchen? Die weiß doch, dass Sie den zeigen muss … Und der alte Mann fängt erst an nach seinem Geld zu suchen, nachdem er gefragt wird – auch der kauft doch nicht zum ersten Mal Briefmarken …

Der Mitarbeiter der Post, die Frau und der alte Mann – sie sind alle erleuchtet, nur ich nicht!


Alle sind erleuchtet, nur ich nicht! – Ist eine Übung, die im Zen verwendet wird, um sich für die Lernerfahrung durch den anderen zu öffnen. Wenn alle erleuchtet sind (meine Nachbarn, meine Kollegen, meine Kunden, meine Familie, meine Freunde und einfach alle lebenden Wesen) – nur ich bin es nicht, dann sind alle Wesen um mich herum meine erleuchteten Lehrer.

Was kann ich vom Postmitarbeiter lernen, der so quälend langsam ist und dann noch absichtlich noch langsamer macht? Geduld. Was vom Punk in der Straßenbahn, dessen Verhalten und dessen Bettelei mich nerven? Erst Akzeptanz und Freude am anders sein von ihm. Der Autofahrer, der es so eilig hat, dass er mich schneidet? Verständnis für den Druck unter dem er sich fühlt.

Wann immer mich irgendetwas an anderen stört, dann kann ich dem Impuls von Ärger, Ablehnung, Unverständnis etc. Nachgeben – oder aber mich fragen: Was ist die Lernerfahrung die der andere mir geben will?